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Abschied von KDE



Ich arbeite seit über 8 Jahren beruflich (selbständig) in meinem Job,
wenn ich einen PC benutzen muss, nur mit freier Software, d. h. mit
Linux-Betriebssystemen, seit über 5 Jahren mit Debian-Linux. Als
grafische Benutzeroberfläche habe ich bislang KDE verwendet und bin
damit ausgesprochen gut gefahren.

KDE 4.5 hat das geändert.

Ich will nicht alles aufzählen, was mir an dieser neuen
Benutzeroberfläche übel aufstösst. Stellvertretend daher nur einige
kleine Beispiele:

Der "Kickoff-Menüstil", der anscheinend dazu gedacht ist, einen
einfachen, schnellen Zugriff auf Programme gezielt unmöglich zu
machen. Dieser lässt sich glücklicherweise deaktivieren zugunsten des
nun als "klassisch" bezeichneten Menüstils.

Der Systemabschnitt (das grau hinterlegte "i") in der Kontrollleiste
ist eine Katastrophe für sich. Ungefragt werden alle möglichen
Aktionen, von denen der Anwender w e i s s, dass er sie durchführt, in
grauen, sich immer weiter übereinander auftürmenden Mitteilungsboxen
in die rechte untere Ecke des Bildschirms geknallt, wo sie geöffnete
Programme störend überlagern.

Bewegt der Anwender zu dem Zeitpunkt, da ihm
"Aufklapp-Benachrichtigungen" in den unteren rechten Bildschirm
geknallt werden, seine Maus durch das K-Menü, um von da aus ein
Programm starten zu wollen, wird in dem Augenblick das K-Menü komplett
eingeklappt. So einen Unsinn habe ich das letzte Mal unter den Windows
9x-Derivaten erlebt.

Nun befindet sich in den "Einstellungen für Systemabschnitt in der
Kontrollleiste" ein Punkt "Aufklapp-Benachrichtigungen", unter dem
sich die "Anwendungs-Benchrichtigungen" sowie die "Benachrichtigungen
für Dateiübertragungen und andere Aktionen" durch das Entfernen der
Kreuzchen aus den Boxen - so nahm ich zuerst an - vielleicht
unterbinden lassen. Weit gefehlt! Nach dem Entfernen der Kreuze wurden
gut und gerne dreimal so grosse Flächen in die obere rechte
Bildschirmhälfte hineingeknallt, die jedes geöffnete Programm dort
möglichst lange überlagerten, um den Anwender über jede seiner
durchgeführten Aktionen in Kenntnis zu setzen. Manchmal drei Flächen
untereinander! Die dann sekundenlang stehen bleiben.

Sobald der Mauszeiger nur einen kurzen Augenblick auf einem Symbol der
Kontrollleiste verweilt, springt eine Art Pop-Up-Anzeige auf, die
darüber informiert, welches Programm sich hinter dem Symbol verbirgt.
Diese Funktion ist sicherlich für Neulinge ganz nett, aber nachdem mir
mittlerweile viele hundert Male auf diese Weise mitgeteilt wurde, dass
der blaue Zahnkranz links in der Kontrollleiste das "K-Menü
(traditionell) Verlauf (Programme), Programme, Rechner,
Systemeinstellungen ..." etc. beinhaltet, würde ich diese nervenden
Pop-Ups gerne deaktivieren.

Dies ist nicht möglich. Die Macher von KDE 4.5 gehen anscheinend davon
aus, dass ihre Benutzeroberfläche in erster Linie von Leuten verwendet
wird, die nicht wissen, womit sie arbeiten und welche Programme sie
sich in die Kontrollleiste gelegt haben.

Ähnlich scheint man bei der Programmierung von K-Mail vorgegangen zu
sein. Ununterbrochen werden dem Anwender gelbe Mitteilungsboxen um die
Ohren geschlagen, die sich nirgendwo deaktivieren lassen und die
ständig Teile der geöffneten Nachrichten, der Ordnerleiste etc.
überlagern.

Das Konzept der auf dem Desktop platzierten "Ordner-Ansicht" kann nur
als nervenaufreibende Gimmick-Innovation ohne weiteren Sinn
beschrieben werden, zumal die darin ansichtigen Ordner nicht innerhalb
der Ansicht geöffnet werden, sondern einen Dateimanager aufrufen. Das
hat unter KDE 3.5 eine simple Desktop-Verknüpfung mit dem jeweiligen
Verzeichnis genauso gut geleistet.

Und vor allem: Die Ordner-Ansicht reagiert oft nicht richtig auf
Mausklicks. Wehe dem dann ungeduldig Reagierenden! Dem nämlich werden
nach einem Mehrfachklick gleich drei bis vier das Verzeichnis öffnende
Dateimanager um die Ohren geschlagen.

Dolphin ist als Dateimanager nahezu unbrauchbar und die Verwendung von
Dolphin-Bestandteilen in der Anzeige von Konqueror ruiniert diesen
genauso gründlich. Das in KDE 3.5 einfache Markieren von Dateien mit
der Maus über ein die Dateien einrahmendes "Gummiband" funktioniert
nur noch ausnahmsweise, weil ständig ungewollt die Plus- bzw.
Minus-Markierungen an den Dateien aktiviert werden, die sich dann
nicht mehr greifen lassen.

Verschiebe ich ein geöffnetes Fenster über den Bildschirmrand hinweg,
wird es mir regelmässig auf die komplette Bildschirmgrösse
vergrössert. Deaktivieren lässt sich die Funktion anscheinend nicht.

Die Verwandlung des ursprünglichen Desktops in eine "Aktivität
Arbeitsfläche", in dem es dann "Arbeitsflächen-Behälter" gibt, ist
eine Verkomplizierung des Umganges mit einer Benutzeroberfläche, deren
Sinn sich mir einfach nicht erschliessen will. Ich arbeite seit Jahren
sehr viel am PC und bin weiss Gott kein Anfänger in Sachen Linux und
KDE. Aber das hier geht mir über den Horizont.

Unmöglich ist das Konzept der Geräteüberwachung. Warum wird ein im
laufenden Betrieb eingesteckter USB-Stick nicht mehr als simples Icon
auf dem Desktop angezeigt? Warum muss ich, um den USB-Stick sicher zu
entfernen, jetzt Dolphin öffnen, um in der dortigen Seitenleiste das
sichere Entfernen vorzunehmen? Warum ist diese Möglichkeit dann nicht
wenigstens auch in den Konqueror eingebaut worden?

Anscheinend ist nicht mehr vorgesehen, Konqueror in der Kontrollleiste
einfach als Dateimanager öffnen zu können. Jetzt muss ich aus einem
Aufklappmenü "Dateimanager" wählen, um zu dem gewünschten Resultat zu
gelangen. In dem Zusammenhang: Das Aufklappmenü des Konqueror bietet
mir an, darüber den Midnight-Commander zu starten. Wähle ich diese
Option wird, obwohl der MC installiert ist, ein leerer Konqueror
gestartet, der nicht zu gebrauchen ist.

Ein unter KDE 3.5 neu eingerichteter und komplett konfigurierter
Benutzerbeitsplatz hatte bei mir bislang die Grösse von etwa 10 MB.
Ein unter KDE 4.5 neu eingerichteter und komplett konfigurierter
Benutzerbeitsplatz hat bei mir die Grösse von etwa 175 MB, Akonadi sei
Dank, der hier  mit 139 MB zu Buche schlägt und dafür noch nicht
einmal richtig funktioniert. Aber das ist ein anderes Thema, das ich
hier gar nicht erst anschneiden will.

Ganz ähnlich sieht es mit den für die Benutzerarbeitsplätze angelegten
Verzeichnisse in /var/tmp/ aus. KDE 3.5 begnügt sich mit nicht einmal
5 MB, KDE 4.5 mit - und hier ist der so viel gepriesene Plasma-Desktop
der Übeltäter, benötigt über 175 MB.

Für diesen immensen Plattenplatzverbrauch bekomme ich "Plasmoide" die
ich nicht gebrauchen kann, weil sie, wie die "Ordner-Ansicht" nicht
ergonomisch funktionieren und einen nie richtig funktionierenden
Akonadi-Server, den ich darum deaktiviert habe.

Das ist nur eine kleine Aufzählung vieler Ungereimtheiten, die mir in
dem "neuen" KDE aufgefallen sind und ich will es auch dabei belassen.

Ich habe mir KDE 4.5 nun seit einigen Monaten angesehen und muss
feststellen, dass das KDE-Team anscheinend mit ihrer Version 3.5 einen
Reifegrad erreicht hat, der nur noch schwer überboten werden konnte.
Und wenn man etwas nicht besser machen kann, dann macht man es eben
anders. KDE 4.5 ist die Folge davon, und die Folge von KDE 4.5 ist,
dass ich diese Benutzeroberfläche aufgrund ihrer ergonomischen
Mangelhaftigkeit nicht mehr benutzen möchte.

Es ist für mich nicht nachvollziehbar, worin der Sinn der vielen meist
ja nur kleinen Änderungen (den Umgang mit der Benutzeroberfläche
betreffend; ich rede nicht von der Programmierung des "Innenlebens"),
die in KDE 4.5 vorgenommen wurden, besteht. In der Regel muss man
lediglich einen anderen, manchmal eben aufwendigeren Weg wählen, um zu
dem gleichen Resultat zu gelangen, wie unter KDE 3.5. Aber was soll
das?

Mich beschleicht fast das Gefühl, dass das KDE-Team Gelder aus Redmond
erhält, um seine bis dahin einfach nur hervorragende und absolut
ausgereifte Benutzeroberfläche proprietären Standards anzugleichen.
Ok, das war jetzt nur Spass und nicht ernst gemeint, so schlimm ist
die Version 4.5 dann auch nicht.

Kein Spass: Mittlerweile bin ich auf Gnome umgestiegen. Nicht gerne,
KDE hat mir bislang besser gefallen (was reine Geschmackssache sein
mag), seine umfangreiche Konfigurierbarkeit und Individualisierbarkeit
haben mich immer überzeugt (die Entwickler jedoch anscheinend nicht,
weshalb man einige nervende Features nicht abstellen kann).

Die KDE-Version 4.5 ist für mich so wie sie ist schlechterdings nicht
akzeptabel und ein Umstieg auf eine andere Benutzeroberfläche die
Folge davon.

KDE 4.5 ist eine gute Werbung für Gnome. Hoffentlich kommen die
Gnome-Entwickler jetzt nicht auf die Idee, mit der nächsten in Debian
verwendeten Version ihrer Benutzeroberfläche Werbung für KDE machen zu
wollen.

In diesem Sinne ein herzliches Dankeschön an die KDE-Entwickler für
ihre herausragende Arbeit bis zur Version 3.5. Es war mir eine Freude,
die ganzen letzten 8 Jahre mit KDE arbeiten zu können und es hat mir
den Umgang mit meinen PCs sehr einfach gemacht.

Sobald eine zukünftige Version von KDE den Reifegrad von 3.5 erreicht
hat, werde ich wieder remigrieren.

Versprochen.


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